Die Kunst des Verhüllens

 

Hunde werden umhäkelt, umstrickt oder  in klassische Karo-Design-Mäntelchen gesteckt.  Pferden werfen wir  Capes, Decken oder Teilburkas über, um sie gegen die Unbilden des Wetters zu schützen. (White Lady und Family.) Kindern ziehen wir  die Mützen tief  über beide Ohren und Erwachsene stecken sich selbst in wattierte Daunen-Outfits, da sie keine eigenen brauchbaren Federn haben.  Auch unser großer Rosmarinbusch bekommt jeden Herbst eine Hülle aus  Noppenfolie, damit er es schön warm hat – nur dieses Jahr sind wir auf einen Lidlleinensack umgestiegen und er ist halb erfroren. Lidl kann nichts dafür. Wir haben den  Rosmarin nicht nur zu spät eingepackt, sondern auch zu früh davon befreit. Ich mochte sie nicht mehr sehen, diese undefinierbare Sackgestalt neben der Haustür.  Sie war so unauffällig, wie eine  nachlässig eingewickelte Leiche aus einem schlechten Krimi, die darauf wartet endlich entsorgt zu werden. Meine Augen wollten das nicht mehr sehen und meine Hände reagierten mit wachsender Ungeduld. Bloß weg mit dem Ungetüm!
Wenn es wenigstens einen richtigen Winter gäbe, dann könnte ich  die ganze Zeit im Haus sitzen bleiben und müsste mich weder um den Garten, noch um seine Wintermumien scheren.

 

Auf’s Einwickeln verstehen sich andere besser. Eine befreundete Gartenarchitektin schickte mir Einblicke aus einem Garten in Peking.

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A.Riedel-Preuss ALCHEMILLA

 

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A.Riedel-Preuss ALCHEMILLA

 

Winterschutz in Peking

A. Riedel-Preuss ALCHEMILLA

 

Da haben wir sie wieder, die besondere Ästhetik des asiatischen Alltags. Die Chinesen sind  wohl auch die besseren Feinmotoriker, (haben ja viel kleinerer Hände, als unsere norddeutschen Riesenpranken) und  wie es aussieht, auch mehr Geduld und Zeit.  Denn das braucht sie sicher, diese Anti-Frost-Wickeltechnik. Selbst die untergebrachten Pflanzen, in den undefinierbaren Säcken,  strahlen etwas aus. Die Klamotten scheinen zu passen. Sozusagen auf den Busch geschneidert. Mit Fenster zum rausschauen.

Das ist die Kunst des Verhüllens a la Christo. Die Verhüllung zeigt  die Form und nennt den Inhalt.  Etwas scheint verdeckt und ist doch gleichzeitig da. Ich las: „…wer die Kunst beherrscht etwas zu verhüllen, hat eine magische Stufe erreicht, weil es  gelingt, ein Objekt zu zeigen, das seinen Charakter verschleiert, ohne ihn zu verlieren“ (Christian Lotz, Wrapped Reichstag).

Das ist dann wohl der Unterschied vom Rosmarin im Lidlsack . Der war eher  verpackt, als verhüllt.  Vor allem war er  verschwunden. Er konnte weder gesehen, noch erahnt werden. Er wurde nur einer Funktion zugeführt – dem Schutz. Alles andere wurde vernachlässigt. Kein Wunder, dass mir dies so gar nicht in unseren Garten zu passen schien.

 

                                                                          … und was ist dann eigentlich mit ihm?
                                                                                                                                                           

 

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