Ewiges Leben

 

Davon kann man nicht genug haben.

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Mit dem Efeu, ist das so eine Sache.
Einerseits, reißt er sich vieles unter den Nagel. Passt du nicht auf, ist alles verschwunden. Sah es gerade noch toll aus, dass der Mauerpfosten eine Efeumütze mit Bommeln trug, hat er sich kurze Zeit später, die gesamten, alten, schönen Steine einverleibt. Verdeckt er die hässliche Folie im Übergang zum Wasser, tauchen seine langen Fangarme kurz danach schon unter und werden zu Laubfängern, verlanden und verbinden sich mit den Wurzeln der Binsen und Rohrkolben, zu einer undurchdringbaren Herausforderung. Dauernd muss man auf der Hut sein, ihm auf die Finger hauen. „Lässt du wohl los!“ „Nein, nein, nicht hier – geh‘ wo anders spielen!“
Noch immer, klammern seine vertrockneten Reste an dem alten Birnenbaumstamm. Hoch oben, wo niemand hinkommt. Alles hat er umschlungen in den letzten Jahren. Er kroch in die weißstämmigen Birken, grabschte nach jeder Möglichkeit seine klebrigen Finger irgendwo anzuhaften, wickelte sich mit seinen haarigen Beinchen um die markanten Rinden der Bäume, bis alles mit seinen grünen, gelackten Blättern bedeckt war. Umarmungskünstler.

Als wir im letzten Jahr, die Efeubefreiungszeit in unserem Garten einläuteten, rächte er sich mit viel giftigem Blütenstaub. Er zwang uns zum Husten, zur Pause, zum Atemholen und wies uns unverzüglich den Weg in die Handschuhe.
Dafür bekamen die Bäume wieder Luft. Oder war ich das? Manche Menschen zeigen  die innere Neuordnung, indem sie den Keller aufräumen, die Möbel im Haus umstellen, sich die Haare anders schneiden oder sich von unliebsamen Menschen trennen. Ich schaffe Ordnung im Garten.  Schluss mit Übergriffigkeiten! Her mit den Freiräumen!

Andererseits gefällt er mir. Der Unsterbliche, der ewig Lebende, der Treue. Und er hat an anderer Stelle seinen Platz im Garten behalten dürfen, oder sogar einen Neuen zugewiesen bekommen. So bildet er jetzt, vereint mit Herzblattefeu und Kleinblattefeu, den grünen Teppich unter den roten Kirschmahagonis. Lässt nichts durch, was nicht durchkommen soll und bildet den Rahmen, für die kleinen Frühlingsblüher, die P. überall gesetzt hat und auf die wir neugierig warten. Und auch sonst liebe ich ihn, wenn er sich brav in Form schneiden lässt, den Einfassungen im Beet folgt, nicht rummeckert, wenn auf ihm rumgetrampelt wird und  die Vogelnester an der Hauswand versteckt, weil da auf die Clematis, nur in den warmen Sommermonaten Verlass ist.

Hier soll nicht der Eindruck entstehen, ich würde ihm ständig vorschreiben, was er zu tun und wo er zu wachsen hat. Manchmal lassen wir ihn einfach. Und was er dann erschafft, ist wunderschön.

 

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Da gibt es diesen Platz im Gemüsegarten. Alles begann mal mit einem Holzpfahl.  Inzwischen, hat der Unsterbliche  daraus eine Skulptur geschaffen – ein Hochbett für die letzte Reise. Wenn ich das letzte Mal ausgeatmet habe, würde ich gern darauf gebettet werden. So, wie die ersten Christen das früher  mit ihren Verstorbenen taten. Ein schönes Ritual. Ich stelle mir vor, wie es ist, zwischen den kühlen dunkelgrünen Blättern zu liegen, inmitten all der schwarzen glänzenden Perlen und über mir der blaue Himmel. Eine weit angenehmere Vorstellung, den Efeu unter mir zu haben, als über mir. Denn dorthin hat man ihn seit Jahrhunderten verwiesen. Als Decke für die Verstorbenen auf den Friedhöfen. Da kannst du nur warten, wie sich  die Wurzeln über dir in deine Richtung graben.

Das frühere Modell gefällt mir da besser. Unser Efeubett auch. Nur, wie komm ich da  rauf?

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